Mittwoch, 03 September 2014 12:47

"Wer schön sein will, muss reisen"

Lesung mit Tine Wittler in der Stadtbücherei

 

Geesthacht (LOZ). Tine Wittler ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Fernsehen. Denn sie ist unerwartet rund statt genormt schlank - und damit "anders". Mit diesem "Anderssein" wird sie ständig konfrontiert, ob sie will oder nicht. Und beschloss deshalb, sich mit dem Thema genauer auseinanderzusetzen: Warum gibt es überhaupt so etwas wie "Schönheitsideale"? Wie verbindlich sind diese? Weshalb lassen sich gerade Frauen davon so dermaßen unter Druck setzen? Und wie kann man es schaffen, sich von diesem Druck zu befreien und die eigenen Energien sinnvoll zu nutzen?

Im Rahmen ihrer Recherchen entdeckt Tine Wittler auch das unbekannte Wüstenland Mauretanien und beschließt, dieses Land persönlich zu besuchen und über diese Reise ein Buch zu schreiben. Denn in Mauretanien ist alles anders, als wir es kennen: Dort gelten die runden Frauen als die schöneren, die begehrteren, die glücklicheren. Statt Diät zu halten und sich möglichst "dünne" zu machen, nehmen junge Frauen hier, in einem der ärmsten Länder der Welt, gefährliche Medikamente ein, um an Gewicht zuzulegen. Und auch heute noch werden kleine Mädchen unter Gewaltanwendung regelrecht gemästet.

Auf ihrer Lesetournee quer durch die Republik hat Tine Wittler ganz konkrete Forderungen im Gepäck und ruft Frauen und Männer im ganzen Land dazu auf, eine neue, starke Haltung zum Thema "Schönheit" zu finden und zu leben. Am 29. Oktober macht Tine Wittler in der Geesthachter Stadtbücherei halt, um aus ihrem Buch „Wer schön sein will, muss reisen“ zu lesen. Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Bücherei und der Volkshochschule. Einlass ist um 19 Uhr, die Lesung beginnt um 19.30 Uhr. Der Eintritt beträgt 9 Euro. Der Karten-Vorverkauf beginnt am 15. September.

Interview mit Tine Wittler:

Wie entstand die Idee zu Film und Buch?

Tine Wittler: Ich wollte eigentlich einen Roman schreiben – über eine junge Frau, die Schwierigkeiten hat, mit ihrem Körper Frieden zu schließen, weil dieser eben nicht dem gängigen schlanken Schönheitsideal entspricht. Diese Protagonistin wollte ich auf eine Reise schicken, damit sie erfährt, dass „Schönheit“ mitnichten etwas objektiv Messbares ist, sondern immer von Perspektive, Zeit und Raum abhängt. Und dass ein Schönheitsideal somit kein verbindliches Leitmotiv für das eigene Leben sein kann und sollte. Bei meinen Recherchen stieß ich auf Mauretanien – ein Land, in dem traditionell die runden Frauen als besonders schön gelten. Und dann wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich diese Reise, die eigentlich für meine Romanheldin gedacht war, selbst antreten muss, um Antworten auf meine Fragen zu finden.

In dem Film offenbart Tine Wittler ganz offen ihre private Motivation, sich dieses Themas anzunehmen. Stand von vornherein fest, dass das Ganze so persönlich behandelt werden sollte? Man hätte ja auch eine abstraktere, distanziertere dokumentarische "Draufsicht" andenken können...

Tine Wittler: Mir war von Anfang an klar, dass ich das tatsächlich so persönlich behandeln muss. Ich hatte da gar keine Wahl! Denn zum Einen konnte ich nur so wirklich ans „Eingemachte“ gehen und all jene Fragen stellen, die sich während der Recherchen in mir angesammelt hatten. Zum Anderen war es mir wichtig, das Thema so ehrlich anzugehen, dass nicht nur ich in dem Projekt Antworten finde, sondern die Leser bzw. Zuschauer ebenso. Und das klappt auf Distanz eben nicht so gut. Es sollte ja auch nicht so was dabei herauskommen wie eine Reportage, bei der man am Ende lapidar sagt, „wahre Schönheit kommt von innen und die Geschmäcker sind nun mal unterschiedlich“, und gut ist. Ja: Wahre Schönheit kommt von innen. Aber das Problem, das die meisten von uns haben, ist doch nicht, dass wir das nicht wissen! Sondern dass wir uns – sowohl gesellschaftlich als auch als Individuen – wahnsinnig schwer damit tun, diese Einstellung auch tatsächlich zu leben. Genau dieser Konflikt war von Beginn an mein Leitmotiv.

Wann habt ihr angefangen, konkret an dem Projekt zu arbeiten?

Tine Wittler: Ich habe mit den Recherchen im August 2009 begonnen; die Drehreise hat dann im Januar und Februar 2011 stattgefunden. Schon die Vorbereitungszeit war sehr intensiv, da Mauretanien kein einfach zu bereisendes Land ist und wir vor allem auf die erschwerten Sicherheitsbedingungen große Rücksicht nehmen wollten und mussten. Dass wir dann ausgerechnet mitten in den Arabischen Frühling hineingeflogen sind, hat diese Thematik noch verschärft.

Wie groß war das Team? Wie viele Drehtage gab es insgesamt? Wie viele Stunden Material sind dabei zusammen gekommen?

Tine: Unser Team war sehr klein: Geflogen sind wir zu dritt – Autorin, Kamera und Regie, Ton. Vor Ort wurde unser Team durch unsere mauretanische Begleiterin Wafa ergänzt, die weitaus mehr für uns war als nur eine Übersetzerin: Sie hat uns viele Türen öffnen können.

Zurückgekehrt sind wir mit über hundert Stunden Rohmaterial. Mit welchen Schwierigkeiten habt Ihr gerechnet? Mit welchen nicht?

Tine Wittler: Was ich absolut unterschätzt habe, war die Möglichkeit, dass die Beschäftigung mit dem Thema mich persönlich so sehr durcheinander rütteln würde, dass im Innern erstmal kein Stein auf dem anderen bleibt. Aber genau das ist geschehen. Denn die Frage nach „Schönheit“ ist immer auch eine Frage nach den eigenen Prioritäten, Prinzipien und nach der eigenen Geisteshaltung.

Was war für Euch die größte Überraschung vor Ort?

Tine Wittler: Mich hat es tief beeindruckt, zu erleben, wie stark die mauretanischen Frauen wirklich sind. Nach außen hin, vor dem Gesetz und in der gesellschaftlichen Struktur, haben sie nur wenig Rechte. Aber trotzdem sind sie kämpferisch und mutig, und sie wissen sich durchzusetzen. Die Mauretanierinnen haben ein klares kollektives Bewusstsein dafür, wie sie ihre Ziele trotz ihrer scheinbaren Rechtelosigkeit erreichen können. Wir Frauen hier haben zwar nach außen hin sehr viel mehr Rechte, wissen sie aber oftmals nicht oder nicht richtig zu nutzen. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Nach einer halben Stunde ist im Film zu sehen, wie Ihr und Euer Team im Auto sitzend plötzlich mit Steinen beworfen werdet. Habt Ihr danach überlegt, das Projekt abzubrechen?

Tine Wittler: Ja, das haben wir durchaus. Wir sind zu diesem Zeitpunkt in eine Demonstration geraten, die mit den Geschehnissen des Arabischen Frühlings zusammenhing, und ich persönlich hatte in diesem Moment sehr große Angst. Aber ich glaube, es war uns klar, dass wir lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort waren – und diesen Angriff nicht persönlich nehmen durften. Das hat uns geholfen, weiterzumachen.

Tine, Du hast im Rahmen der Recherchen selbst an der „Gavage“ teilgenommen: an der traditionellen Zwangsmästung, der junge Mädchen in Mauretanien bis heute unterworfen werden.

Tine Wittler: Ich wollte einfach wissen, wie die „Gavage“ von statten geht und wie sich das anfühlt: Was passiert, wenn ich gezwungen werde, immer weiter zu essen und zu trinken, obwohl ich längst nicht mehr kann und mag? – Die „Gavage“ ist bis heute eine weitere Art der Ausübung von Gewalt und Zwang gegenüber Mädchen und Frauen. Ich finde es wichtig, darauf aufmerksam zu machen. Und die Probleme, die wir deutschen Frauen mit unseren Körpern zu haben glauben – oder die man uns glauben machen will – , relativieren sich dadurch doch sehr.

Eure Reise nach Mauretanien war nicht gerade eine gemütliche Butterfahrt. Inwiefern hat diese Erfahrung Euch geprägt? Was nehmt ihr längerfristig aus diesem Projekt mit?

Tine Wittler: Oh, so vieles! Die Freundschaft zu Wafa. Das Engagement für die Mauretanien-Hilfe, die ich seither unterstütze. Das Engagement mit den „ReBelles“, einer Bewegung, die die Körperakzeptanz insbesondere von jungen Mädchen und Frauen fördern will. Vor allem aber das Wissen, dass jeder Mensch so viel mehr ist als sein Körper oder seine Hülle. Und deshalb aufstehen sollte und darf, wenn er oder sie darauf reduziert wird.

Ist der Titel „Wer schön sein will, muss reisen“ von Buch und Film eine Adaption des Sprichwortes „Wer schön sein will, muss leiden“?

Tine Wittler: Ja, in gewisser Weise ist das richtig. Allerdings meine ich mit dem Begriff „schön“ im Titel nicht in erster Linie die äußere Schönheit! Was ich meine, ist: dass es einen Menschen schön macht, wenn er offen ist. Wenn er bereit ist zu lernen, die Perspektive zu wechseln und über den eigenen Tellerrand zu schauen. Wenn er tolerant ist und erkennt, dass der eigene Kosmos, das eigene Weltbild nicht verbindlich sind für alle, sondern nur ein Bruchteil der möglichen Weltbilder und Anschauungen. Genau das wünsche ich mir: Dass der Begriff „Schönheit“ erweitert wird und nicht mehr alle automatisch an das „außen“ denken, wenn sie ihn hören.

Letzte Änderung am Mittwoch, 03 September 2014 13:35
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