Montag, 16 Februar 2015 12:37

Kein Konsens in der „Nachtigallen-Affäre“

Im Geesthachter Rathaus räumt man Fehler in der Kommunikation ein, hält aber an der Richtigkeit zur Entscheidung über die Bäumfällungen fest. Im Geesthachter Rathaus räumt man Fehler in der Kommunikation ein, hält aber an der Richtigkeit zur Entscheidung über die Bäumfällungen fest. Foto: W. Reichenbächer

NABU und Grüne nicht mit der Erklärung der Verwaltung zufrieden

 

Geesthacht (LOZ/wre). Auf ihrer Jahreshauptversammlung am 13. Februar hat die NABU Gruppe Geesthacht einstimmig zum Thema Abholzaktion auf der Werfthalbinsel Stellung zu der Begründung der Stadtverwaltung vom 10. Februar bezogen. Die Stadtverwaltung hatte darin erläutert, warum die Abholzaktion nötig war. Aber auch die Grünen sind mit der Erklärung der Verwaltung nicht zufrieden.

Die „Stellungnahme zur Auslichtung des Ufergehölzes an den Anliegerplätzen auf der Werfthalbinsel“, vermittelt die Aussage: „Wir haben alles richtig gemacht, nur, wir haben versäumt, rechtzeitig zu informieren“, kritisiert der NABU.

Nach mehreren Gesprächen mit Beteiligten und nach in Augenscheinnahme des „Tatortes“ durch mehrere NABU-Mitglieder, die sich mit Lebensraumbedingungen, mit kranken und gesunden Gehölzstrukturen und Bäumen, also auch Pappeln, gut auskennen, widerspricht der NABU dieser Aussage entschieden:

„Eine schwerwiegende Gefährdung der Verkehrssicherheit durch die Schwarzpappel, die ihr komplettes Fällen erforderte, konnte und kann der NABU nach wie vor nicht erkennen. Das Ausschlagen von Hexenbesen ist bei Pappeln nicht bekannt, ein Pilzbefall daraus abzuleiten, ist für uns zumindest fragwürdig. Das Auszählen der Jahresringe weist ein Alter der Pappel von ca. 40 Jahren aus, also eine Pappel in ihrem besten Alter, die noch einmal 40 Jahre vor sich hatte. Ein Entfernen von bruchgefährdeten Ästen aus der Krone über dem Wanderweg hätte für ein umsichtiges, verantwortungsbewusstes Handeln der Stadt genügt.

Die Sicherheitsgefährdung von Spaziergängern durch die Weiden, die fast alle einen recht großen Abstand zum Weg hatten, halten wir für das Standardargument, das immer herhalten muss, wenn die reale Situation vor Ort vor und während der Fällaktion nicht sachgemäß überprüft wird. Dennoch ist das Aufstocksetzen in geeigneten Perioden sinnvoll. Eine Gefährdung von Schiffen an den draußen im Wasser stehenden Dalben ist aus Sicht des NABU weit hergeholt.

Absolut unverständlich ist für den NABU die Aussage: „Eine geeignete Gehölzstruktur für brütende Nachtigallen wurde hier nicht vorgefunden. Der Verlust von Brutstätten der Nachtigall wurde daher nicht vermutet.“ Auf Grund der langjährigen Kartierung von Nachtigallen durch den NABU ist belegt, dass an dieser Hafenkante der Werfthalbinsel regelmäßig ein bis zwei Nachtigallen ihren Lebensraum finden, der ja nicht nur aus Gehölz zum Brüten sondern auch aus Ufersaum zum Finden der Nahrung besteht. Beim Fällen der Pappel und beim unnötigen Auslichten östlich der Pappel, abseits vom Weg, ist auch Gehölzstruktur zum Brüten zerstört worden“, heißt es in der Stellungnahme des NABU.

In diesem Zusammenhang sieht der NABU die in der Lauenburger Online Zeitung zitierte Aussage des Pressesprechers Geesthachts, Torben Heuer, als ungeheuerlich an: „In diesem Gebiet gab es gar keine Nachtigallen, weil das nötige Unterholz fehlte. Erst jetzt könnten sich dort die Vögel ansiedeln und brüten, da durch die Auslichtung neues Unterholz entsteht“, sagt Heuer und erklärt, dass der NABU den Fehler bereits bemerkt und bestätigt hat, dass kein Brutraum für die Nachtigallen zerstört wurde.

„Diese Aussage des Pressesprechers des Bürgermeisters, der als Schirmherr bei mehreren „Nächten der Nachtigallen“ genau dort die Anwesenheit der Nachtigallen erleben konnte, stellt nun das dortige Vorkommen von Nachtigallen in Abrede und legt dem NABU einen zugestandenen Fehler in den Mund. Dem NABU zeigt diese Ignoranz ein weiteres Mal, dass die Bedeutung der besonderen Vorkommen von Nachtigallen in Geesthacht noch nicht angemessen im Rathaus angekommen ist“, so der NABU.

In den vergangenen etwa 10 Jahren sind Nachtigallengehölze entlang des Geesthachter Elbe- und Kanalufers ohne Ersatz verloren gegangen, sei es um Spaziergängern Blicke zu öffnen, so bei der Gestaltung des roten Platzes, sei es durch Hochwasserschutzmaßnahmen und zuletzt durch die Deicherhöhung am Schleusenkanal. Angesichts dieser Verluste kann der NABU das Außerachtlassen der Lebensraumbedingungen von Nachtigallen durch die Verwaltung der Stadt Geesthacht bei der sachgemäßen Gehölz- und Baumpflege nach wie vor nicht fassen.

„Der NABU anerkennt die Bemühungen nach der - aus Sicht des NABU missglückten - „Auslichtung des Ufergehölzes“, durch Neupflanzungen von geeigneten Pflanzen, Gehölzen und Bäumen den Lebensraum von Nachtigallen, damit stellvertretend auch für weitere Fauna, Flora und natürlicher Vielfalt wiederherzustellen.

Immerhin hat Geesthacht sich vor Jahren - zumindest auf Papier - zur Förderung der Artenvielfalt mit kommunalen Programmen durch Beitritt zum Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ verpflichtet“, schließt die Erklärung des NABU ab.

Ali Demirhan, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, fordert eine Aufklärung durch die Verwaltung. „Keiner weiß dort, wer den Auftrag für die Arbeiten vergeben hat“, sagt Demirhan, und ergänzt, die Strukturen müssten sich ändern. „Die Strukturen müssen klar sein, wir müssen überlegen, wie solche Missstände künftig vermieden werden“, so Demirhan. „Wir wissen schon, wer den Auftrag vergeben hat“, sagt Torben Heuer, „er kam aus der Immobilienabteilung, die für den Hafen zuständig ist.“ Dies sei auch bereits am Dienstag auf der Sitzung des Ausschusses für Planung und Umwelt von Fachbereichsleiter Peter Junge erklärt worden.

Der Fraktionsvorsitzende ärgert sich aber nicht nur über den ideellen Schaden, auch seien Werte vernichtet worden. „Man muss nun auch die Haftungsfrage klären“, so Demirhan, „immerhin wurden hier Werte der Stadt Geesthacht vernichtet.“ Mit welchem Wert die Bäume anzusetzen wären, ist aber unklar. „Es ist theoretisch möglich, dies zu ermitteln, das ist aber sehr aufwendig“, erklärt Heuer. Demirhan bedauert, dass die Bäume nicht mehr für Kontrollen zur Verfügung standen. „Der NABU konnte an den Stämmen keine Schäden feststellen, auch gibt es bei den Pappeln keine Hexenbesen“, ergänzt Demirhan.

Pressesprecher Torben Heuer erklärt, dass es im Vorwege Probleme mit der Kommunikation gegeben hat. „Wir haben sonst immer den NABU und die Öffentlichkeit im Vorwege informiert, dies ist diesmal leider nicht geschehen. Wir werden künftig aber wieder rechtzeitig vor solchen Arbeiten die Informationen herausgeben“, schließt Heuer ab.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.