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Büchen (sun). Die Kreis-SPD hatte ein hochkarätiges Podium ins Bürgerhaus Büchen eingeladen zum Thema „Wohnraumsituation im Kreis Herzogtum Lauenburg“. Die aufschlussreiche, gut zweistündige Diskussion hätte mehr als gut 30 Besucher verdient, denn „Wohnungsbau hat Konjunktur“, betonte Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen VNW mit über 300 Mitgliedsunternehmen in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, gleich zu Beginn.

Neben ihm diskutierten der Hausherr, Büchens Bürgermeister Uwe Möller, Geesthachts Bürgermeister Olaf Schulze, Herbert Köster (Geschäftsführer der Kreisbaugenossenschaft mit Sitz in Mölln) und Irene Fuhrmann (Koordinationsstelle für innovative Wohn- und Pflegeformen im Alter (KIWA)) über Ihre Erfahrungen und Herausforderungen im regionalen Immobilienmarkt.

Die Moderation übernahmen die SPD-Kreisabgeordneten Gitta Neemann-Güntner und Jens Meyer. Er berichtete, dass entgegen den bestehenden Planungen die Bevölkerung im Kreis Herzogtum Lauenburg in den kommenden Jahren insgesamt nicht schrumpfen wird. Der Anteil der über 65-jährigen wächst, die Gruppe der 45- bis 60-jährigen schrumpft. Bis zu 5.000 Neubürger im Kreisgebiet in den kommenden Jahren ermittelten die jüngsten Untersuchungen. Allein 1.000 Zuzüge erwartet die Stadt Geesthacht in den kommenden 18 Monaten in den gerade entstehenden Neubauten, berichtete Bürgermeister Schulze.

Wo sollen weitere Zuzügler Wohnraum finden?

Schon jetzt mangelt es an bezahlbaren Wohnungen im Herzogtum. Neubaugebiete für Einzel – und Doppelhäuser verbrauchen viel Fläche und sind innerhalb weniger Monate ausverkauft. In den kleineren Kommunen fehlt es oftmals an Infrastruktur wie Kitas, Schulen oder Busverbindungen, um für Familien interessant zu sein.

Außerdem setzt die bisherige Landesplanung enge Grenzen. Die Kommunen können sich nicht bedarfsgemäß entwickeln. Vielen fehlen aber auch eigene Grundstücke. „Und es gibt Kommunen, die erst den Bebauungsplan ändern und dann Grundstücke kaufen wollen. Sie wundern sich dann, dass diese inzwischen deutlich im Wert gestiegen sind“, so Andreas Breitner. Erst der Grunderwerb durch die Kommunen und dann Änderungen in den Flächennutzungsplänen empfahl Breitner, der als SPD-Innenminister von 2012 bis 2014 Ansprechpartner für die gut 1.100 Gemeinden im nördlichsten Bundesland war.

Der Zuzugsdruck wächst auf die Städte und Gemeinden vor allem im Hamburger Randgebiet wie Geesthacht, Schwarzenbek oder Börnsen, aber auch mit der Bahn gut erreichbare Kommunen wie Büchen.

Vorbildlicher sozialer Wohnungsbau in Büchen

Viel Lob bekam Bürgermeister Uwe Möller für die Planungen in seiner Gemeinde. In Büchen ist die Wohnungsversorgung Chefsache. Nach einer Studie im Jahr 2016 zur „Bevölkerungs- und Wohnungsmarktentwicklung in der Gemeinde und im Amt Büchen“ hat die Gemeinde Büchen diese Ergebnisse genutzt, um sich zielgerichtet im öffentlich geförderten Wohnungsbau zu engagieren. Auf dieser Basis entsteht eine Wohnanlage mit drei Häusern und 35 Wohneinheiten in unterschiedlichen Größen, für die sich bereits 103 Interessenten gemeldet haben. „Das Projekt ist ein wichtiger Teil der kommunalen Daseinsvorsorge“, betonte Bürgermeister Möller. Bei der transparenten Vergabe werden Büchener Familien bevorzugt, denn das Projekt werde ja auch mit Büchener Steuergeldern gestemmt, so Bürgermeister Möller.

Kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft gründen?

Jens Meyer stellte die Frage in den Raum, ob sich eine kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft Sinn machen würde. Diese Frage wird derzeit in der Kreispolitik diskutiert. Die Podiumsgäste setzen allerdings auf Kooperationen mit den bestehenden Wohnungsbaugesellschaften, vor allem mit gemeinnützigen Genossenschaften und kommunalen Gesellschaften wie die WoGee in Geesthacht. Allerdings müsse es im Kreis einen Koordinator für den Wohnungsbau geben, so die Empfehlung. Aktuell fehlt dieser möglichst hochrangige Ansprechpartner für Interessenvertreter der Wohlfahrtsverbände, Wohnungsgesellschaften oder Mieterverbände.

Der Stormarner Kreistag hat sich bereits vor drei Jahren auf den Weg gemacht und überprüft, ob die Schaffung einer kreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft sinnvoll sei, dieses aber letztlich zu den Akten gelegt. Es fehle der nötige, sehr große Kapitalstock und das erforderliche Wissen in der Kreisverwaltung für Immobilienschaffung- und verwaltung. Jetzt wird das „Stormaner Bündnis für bezahlbaren Wohnraum“ gegründet, dem 35 der 38 Gemeinden und Städte Stormarns angehören. Unter Leitung des Landrats Henning Görtz soll in Kooperation mit Wohnungsbaugesellschaften bezahlbarer Wohnraum in dem boomenden Stormarn auf den Weg gebracht werden. „Dort ist Wohnungsbau Chefsache. Der Landrat selbst ist Koordinator für Wohnungsversorgung“, lobte Verbandsdirektor Breitner.

Kritik an Lauenburger Entscheidung

Kritik gab es an der Entscheidung in Lauenburg, ein eigens für stadteigenen Wohnungsbau erworbenes Grundstück angesichts enormer Erschließungskosten an einen privaten Investor ohne Auflagen zu verkaufen. Damit hat die Elbestadt keinen Einfluss mehr, ob dort bezahlbarer Wohnungen entstehen wird. „Wir hätten sonst keinen Investor gefunden“, erklärte der Lauenburger Jens Meyer. Herbert Köster und Breitner betonten: „Sie hätten vielleicht etwas länger suchen müssen, aber einen Investor hätten Sie auch mit Auflagen für bezahlbaren Wohnraum gefunden.“

In Geesthacht boomt der Wohnungsbau

In Geesthacht soll neben der stadteigenen WoGee eine kommunale Erschließungsgesellschaft gegründet werden, die von der Stadt angekaufte Neubauflächen baureif gestalten soll. „In den vergangenen Jahren hat vor allem die WoGee in Geesthacht Mehrfamilienhäuser gebaut, wobei 70 Prozent geförderter Wohnungsbau war. Gewinne werden in die Bestandverbesserung reinvestiert“, so Bürgermeister Olaf Schulze. In den Geesthachter Bebauungsplänen werden 25 Prozent sozialer Wohnungsbau gefordert.

Kreisbaugenossenschaft investiert Millionen

Die gemeinnützige Kreisbaugenossenschaft verwaltet 763 Bestandswohnungen und plant jetzt in Mölln 80 Wohnungen in fünf Mehrfamilienhäusern in einem Mix aus familienfreundlichen Wohnungen und kleinen Singlewohnungen. Die Hälfte der Wohnungen soll dem sozialen Wohnungsbau dienen, der mit 250 Euro pro Quadratmeter von der Landesregierung gefördert wird. Geschätzt 13 Millionen Euro sollen investiert werden. Es gibt in Mölln laut eines städtebaulichen Gutachtens zwar genug bezahlbaren Wohnraum. Doch viele Wohnungen sind veraltet und genügen nicht mehr den heutigen Anforderungen der energetischen Bauweise und Barrierefreiheit. Sanierung gestalten sich angesichts von 2,10 Meter Deckenhöhen in den Wohnungen aus der Nachkriegszeit schwierig, berichtet Herbert Köster. Baugenehmigungen werden dafür nicht erteilt, so dass der Genossenschaft Sanierungen im Bestand der mit 4 bis 4,50 Euro Kaltmiete günstigen Wohnungen verwehrt sind. Neubauten liegen im geförderten Wohnungsbau bei 5,60 Euro mit 20 Jahren Mietbindung.

Köster kritisiert heftig kommunale Entscheidungen zu Bebauungsplanen, die wie in Wohltorf seit drei Jahren beraten werden. „Wir wollen hier Bestandsbauten durch Neubauten ersetzen, aber die Gemeinde agiert sehr zögerlich. Wir denken jetzt über Alternativen nach.“

Dem Vernehmen nach blockieren die Anwohner die Neubauvorhaben am Wohltorfer Bahnhof, da sie Einschränkungen ihrer Villenlagen befürchten.

Deutschland ist noch nicht fertig gebaut

Anders als Kanzler Gerhard Schröder Anfang des Jahrtausends erklärte, ist Deutschland nicht fertig gebaut, sondern muss nach dem Stillstand des vergangenen Jahrzehnts vieler Orts deutlich mehr in die Wohnungsversorgung investieren. „Der Schlüssel für den Wohnungsbau liegt in den Kommunen, denn sie haben in ihrem Gebiet die Planungshoheit“, betonte Andreas Breitner. Allerdings verzögern und verteuern die Kapazitätsengpässe bei den Handwerkern inzwischen einige Bauvorhaben.

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