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Wentorf (LOZ). Sie ist freiheitsliebend, seit sie denken kann. Und katholisch. Am Sonnabend, 31. August, erhält Hilde Lamersdorf das Ansgarkreuz der (evangelischen) Nordkirche. Ein Widerspruch? Nein. Pröpstin Frauke Eiben überreicht es ihr im Gottesdienst um 14 Uhr in der Martin-Luther-Kirche Wentorf. Danach wird zu einem bunten (ökumenischen) Gemeindefest geladen. Das Ansgarkreuz ist ein Dankzeichen der Nordkirche, das Personen erhalten, die sich in besonderer Weise ehrenamtlich verdient gemacht haben.

„Es ist mir ja fast ein bisschen peinlich“, erzählt die rüstige 88-Jährige, „dass so ein Trubel um mich gemacht wird. Eigentlich mag ich das nicht. Ich wirke am liebsten im Hintergrund“. Der Schalk blitzt aus den Augen der gebürtigen Rheinländerin. Sie wurde in Göttingen geboren, ging mit den Eltern nach Hamburg-Bergedorf und kam 1962 mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann nach Wentorf und zog vier Kinder auf. „Die Fähigkeit, von außen auf die Dinge zu gucken, fand ich immer sehr wichtig. Und ich habe mir von der Obrigkeit nie etwas sagen lassen.“

Hilde Lamersdorf studierte Lehramt, arbeitete bis zur Geburt der Kinder als Grundschullehrerin, kümmerte sich um den Haushalt, die Kinder und gab Religions- und Kommunionsunterricht. „Als Kind war ich sehr bockig und schweigsam, sodass mich meine Eltern mit ihren hohen Ansprüchen in Ruhe ließen. Das war das Tor zu meiner Freiheit.“ Dieses Freiheitsdenken befähigt Hilde Lamersdorf dazu, Mittlerin zwischen Katholiken und Protestanten zu sein.

„Vor fünfzig Jahren gab es noch keine Katholische Gemeinde in Wentorf – sie wurde 1972 von einem Militärpfarrer in der Bose-Bergmann-Kaserne in Reinbek begründet. Gottesdienste wurden in einer Baracke gefeiert. Ich fand heraus, dass es 500 katholische Familien in Wentorf gab. Da musste ich etwas tun. Eine meiner ersten Aktionen war das Feiern des Martinsfestes am 11. November. Das ganze Dorf schien auf den Beinen zu sein und leuchtete von den vielen Laternen.“ Hilde Lamersdorf lacht bei der Erinnerung; der Umzug findet bis heute jedes Jahr statt. So kam eins zum anderen: die Ansgarkreuz-Preisträgerin verfasste ein Theaterstück zum Martinsfest, doch für die Aufführung war die Baracke viel zu klein. Also fragte sie an, ob sie nicht die Martin-Luther-Kirche nutzen könne? Sie durfte. Auch für viele weitere Aktionen. Das Ergebnis: Seit fast 50 Jahren ist die Katholische Gemeinde Wentorf ein fester Gast in der evangelischen Martin-Luther-Kirche.

Hilde Lamersdorf initiierte eine bunte Palette an ökumenischen Formaten: Passionsandachten mit dramatischer Liturgie, den Nikolausabend, ein weiteres Martinsspiel, viele Krippenspiele, die schließlich Predigten erübrigten, das regelmäßige Friedensgebet nach Franz von Assisi und schließlich einen 151. Psalm, der lautet: „Wie toll hast du mich gemacht, dass ich schmerzliche Erfahrungen in positive umwandeln kann“. Gemeindeglieder beider Konfessionen schrieben dazu Texte aus ihrer eigenen Lebenserfahrung. Auch im Gottesdienst am 31. August wird dieser Psalm gebetet werden.

Kunst brachte Hilde Lamersdorf ebenfalls in die Martin-Luther-Kirche gebracht, und tut es immer noch: Im Seiteneingang der Kirche stellt sie Ausstellungen zusammen, die thematisch das Kirchenjahr oder ein theologisches Thema vertiefen und auch bekannte Künstler in eine neuen Licht zeigen. Auch das 3,50 Meter breite Beton-Relief, das das Gemeindehaus in Wentorf ziert, ist ökumenisch unter künstlerischer Anleitung entstanden: „Wir arbeiteten zwei Jahre dran. Im Sommer 1994 weihten wir es in dem sehr nüchternen Gottesdienstraum in der Kaserne ein. Diese schloss im September und wir standen buchstäblich auf der Straße. Ohne dass wir fragen oder bitten mussten, bot uns die evangelische Kirchengemeinde Wentorf ihre Gastfreundschaft an. Das war nur möglich, weil wir längst Freunde waren. Das Relief war unser Gastgeschenk. In der Geborgenheit dieser wunderbaren Freundschaft sind auch alle zu Kommunion und Abendmahl eingeladen.“

Und wie hat Hilde Lamersdorf es geschafft, sich zwischen zwei Konfessionen zu bewegen und so viel zu bewirken? „Ich habe theologische Diskussionen grundsätzlich vermieden. Die bauen meiner Meinung nach Zäune auf. Jeder will sich verteidigen und Recht haben – es führt zu nichts. Ich bin gemeinsam mit vielen anderen über diese Zäune gesprungen. Denn wir wissen doch gar nichts. Wir sehnen, wünschen und lieben, machen uns Bilder vom Unverständlichen – aber wissen wir es auch?“.

Und so beschreibt die faszinierende alte Dame auch ihr Lebensmotto: „In kindlich unschuldiger Unwissenheit und Liebessehnsucht gehören wir alle zusammen“. Diese Definition habe sie erst jetzt am Lebensabend für sich erkannt.

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