Lesezeit: 12 Minuten

(LOZ). Allen Unsicherheiten in der Weltwirtschaft zum Trotz ist die Wirtschaft im HanseBelt mit Optimismus ins neue Jahr gestartet. Zwar habe sich die Stimmung im Vergleich zum Jahreswechsel 2018/19 etwas eingetrübt, aber noch immer wären die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt, sagte Friederike C. Kühn, Präses der IHK zu Lübeck, in der IHK-Jahrespressekonferenz in Lübeck.

Damit sich das Wachstum nicht noch weiter verlangsame und Wirtschaft sowie Verbraucher wieder zuversichtlicher in die Zukunft blicken könnten, müssten Bund, Land und Kommunen jetzt die Bedingungen für die Betriebe dauerhaft verbessern, forderte Kühn.

Der erste Trend der IHK-Konjunkturumfrage stützt die Einschätzung, dass die Wirtschaft insgesamt weiterhin in robuster Verfassung ist. Demnach zeichnet sich im vierten Quartal 2019 beim IHK-Konjunkturklimaindex eine leichte Entspannung ab. Auf einer Skala von 0 bis 200 Punkten erreichte er 101 Punkte. „Nach dem Einbruch auf unter 100 Punkte im dritten Quartal 2019 hat sich die Stimmung zum Jahresende verbessert, der Index liegt wieder über dem Mittelwert“, so Kühn.

Vor allem Industrie- und exportorientierte Unternehmen blicken zwar weniger optimistisch auf die kommenden Monate als in den vorigen Quartalen. Positive Einschätzungen kommen dagegen vor allem aus dem Baugewerbe, der Logistik, dem Handel und dem Dienstleistungssektor. Die weiterhin sinkende Erwerbslosigkeit im IHK-Bezirk sei ein weiterer Beleg für die Zuversicht der Betriebe, sagte die Präses. Auch der Tourismus wies in diesem Jahr wieder Rekordbilanzen aus, und der Einzelhandel erhielt Auftrieb durch das deutlich anziehende Weihnachtsgeschäft.

30 Prozent der Befragten schätzen ihre gegenwärtige Lage als gut ein. 53 Prozent bewerteten die Situation als befriedigend, nur 17 Prozent der Unternehmen gaben ihre Lage als schlecht an. Der Konjunkturumfrage zufolge rechnen 14 Prozent (ein Jahr zuvor: 16 Prozent) der Betriebe mit einer positiven, 63 (65) Prozent mit einer etwa gleichbleibenden und 23 (19) Prozent mit einer ungünstigeren Geschäftsentwicklung. Belastungen für die Wirtschaft sind nach wie vor der bevorstehende Brexit, die Russland- und Iran-Sanktionen sowie die Handelspolitik der USA. Allerdings haben die Gesprächsbereitschaft der USA und Chinas vor allem der Börse neue Impulse gegeben. Der Deutsche Aktien-Index näherte sich vor allem deswegen zum Jahresende seinem Allzeithoch. Auch die deutschen Ausfuhren entwickelten sich stabil.

Die größte Herausforderung für die Wirtschaft bleibt der Fachkräftemangel. „Im Arbeitsmarkt ist trotz einer saisonabhängigen leichten Zunahme der Erwerbslosigkeit zum Jahresende keine Eintrübung zu spüren. Die Betriebe stellen weiterhin ein, daher haben wir in Schleswig-Holstein immer noch eine rekordverdächtige Beschäftigung“, sagte Präses Kühn. Der Kreis Stormarn weist mit 3,1 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote aller Kreise in Schleswig-Holstein auf und bleibt damit Spitzenreiter im Norden. Die Hansestadt Lübeck steht mit 6,9 Prozent unter den kreisfreien Städten am besten da und weist den niedrigsten Wert seit fast 40 Jahren auf.

Auch die Zahl der Ausbildungsplätze bewegt sich auf einem hohen Niveau. „Die duale Ausbildung gewinnt bei jungen Leuten wieder an Bedeutung. Dazu haben die Unternehmen, die auf einem hohen qualitativen Niveau ausbilden und die Landesregierung mit ihrem Bekenntnis zur Gleichwertigkeit von höherer Berufsausbildung und Studium beigetragen“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Lars Schöning. Zum Jahresende waren 3.860 Verträge bei der IHK registriert. Das entspricht einem Rückgang um 1,45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings ist die Zahl der Schulabgänger 2019 um 2,7 Prozent zurückgegangen. Schöning: „Die Unternehmen wollen gern mehr ausbilden, es gibt noch freie Stellen in vielen Berufen.“

Der Hauptgeschäftsführer begrüßte ausdrücklich, dass die Landesregierung im neuen Jahr die Berufsorientierung an den weiterführenden Schulen, vor allem den Gymnasien, deutlich ausbaut. Auch das Thema Wirtschaft erhält mehr Raum im Unterricht. Schöning: „Unternehmerisches Denken und Handeln fängt bereits in der Schule an. Schon lange haben wir einen intensiven Austausch zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen gefordert, um den Jugendlichen eine praxisnahe Orientierung bei der Berufswahl zu geben.“ Das Angebot an Ausbildungs- und Studienberufen im HanseBelt sei bereits sehr gut. Eine engere Kooperation von Schule, Hochschule und Wirtschaft werde die Attraktivität des Bildungsstandortes erhöhen und dazu beitragen, den Fachkräftebedarf zu decken.

Erfreut zeigte sich der Hauptgeschäftsführer auch über eine Initiative des Bundes zur Beschleunigung von Planungsvorhaben. Im Oktober hatte Enak Ferlemann, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, bei einer Veranstaltung der IHK Schleswig-Holstein in Berlin bekannt gegeben, dass der Bund künftig Bauprojekte von überragender Bedeutung per Gesetz ermöglichen wolle und nicht mehr per Planfeststellungsbeschluss. „Die Idee dafür kam aus dem Norden, denn wir sehen ja bei unseren Nachbarn in Dänemark und den Niederlanden, dass der Bau dringend benötigter Infrastruktur per Gesetz wesentlich zügiger vorangeht“, so Schöning. Damit könne das Land verlässlich planen und bauen. „Das gibt der Wirtschaft endlich wieder Planungssicherheit.“

Das gelte auch für Gewerbeflächen. „Es ist richtig und wichtig, bezahlbaren Wohnraum für die Menschen zu schaffen oder zu erhalten“, betonte Schöning. „Das darf aber nicht auf Kosten der Wirtschaft geschehen. Die Unternehmen benötigen Flächen zur Ausweitung ihrer Geschäfte oder zur Ansiedlung. Eine Verdrängung von Betrieben aus den Städten geschieht am Ende zu Lasten der Kommune und ihrer Bürger. Hier ist ein ganz klares Augenmaß erforderlich, um Wohn- und Gewerbebau gleichermaßen zu ermöglichen“, sagte er mit Blick auf den Landesentwicklungsplan, dessen Überarbeitung ansteht. Damit Schleswig-Holstein auch weiterhin als Standort für innovative Unternehmen interessant bleibe, benötige das Land auch neue Industriegebiete für das produzierende Gewerbe.

„Der Mittelstand, der den HanseBelt prägt, ist vielseitig, innovativ und in vielen Märkten erfolgreich“, sagte Präses Kühn. Das belege die neue Weltmarktführerbroschüre der IHK Schleswig-Holstein eindrucksvoll. Viele der dort präsentierten, international führenden Unternehmen haben ihren Sitz im HanseBelt. „Damit die Betriebe weiterhin so erfolgreich arbeiten können, müssen vor allem die Rahmenbedingungen stimmen.“ Das allein reiche aber nicht: „Wir müssen jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir bei der Entwicklung neuer Technologien wettbewerbsfähig bleiben und sogar führende Rollen einnehmen können.“ Der Staat müsse mehr Geld in Bildung und Innovationen investieren. „Ob bei Künstlicher Intelligenz, alternativen Energien oder Klimaschutz, wir stehen noch ganz am Anfang bei der Entwicklung neuer Technologien. Wir haben jetzt die historische Chance, schon zu Beginn vorn mit dabei zu sein. Die wollen wir nutzen“, betonte die Präses.

Bei der Wasserstofftechnologie und weiteren Innovationen müsse der Norden vorangehen und zeigen, dass es Möglichkeiten gegen den Klimawandel gibt. „Dann sind es unsere Unternehmen, die beim Umweltschutz führend sind und ihre Technologien verkaufen“, sagte Schöning. Der Staat müsse die Entwicklung fördern. Einen wichtigen ersten Schritt hätten die fünf norddeutschen Bundesländer mit ihrer Wasserstoffstrategie beschlossen. „Die Idee dazu kam aus der Wirtschaft, in einem Papier hatte die IHK Nord die Richtung vorgegeben und die Politik hat nun die Initiative ergriffen.“ Der Norden gehe mit schnellen Schritten voran, um seine Potenziale zu nutzen, wie es die OECD in einer von der Metropolregion Hamburg in Auftrag gegebenen Studie empfiehlt. „Im vergangenen Sommer hat die OECD zudem eine Intensivierung der großflächigen Zusammenarbeit in der Metropolregion gefordert. Die gemeinsame Wasserstoffstrategie ist ein erster wichtiger Impuls“, sagte Schöning.

Ohnehin sollte sich der Handlungsspielraum eines Bundeslandes nicht auf Strategien und Positionspapiere beschränken. Schöning: „Schleswig-Holstein kann in vielen Dingen Treiber sein und über den Bundesrat auf den Bund einwirken und mitgestalten.“ Weitere Möglichkeiten, auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Wirtschaft Einfluss zu nehmen, sieht er bei den Themen Bürokratieabbau und Steuern. „Bei der Reform der Unternehmenssteuern sollten sich die Länder aktiv einbringen, denn sie haben ein großes Interesse daran, leistungsfähige Unternehmen zu halten.“ Das gelte auch für die Energiepreise, die weiterhin eine hohe Belastung für die Betriebe sind. Schleswig-Holstein sei auf dem richtigen Weg mit der Forderung nach einer Abschaffung der Erneuerbaren-Energien-Umlage. „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Preise zu senken und den aus der Windkraft gewonnenen Strom zur Gewinnung von Wasserstoff zu nutzen.“

Eine weitere, einschneidende Änderung rechtlicher Rahmenbedingungen steht mit dem Geltungsbeginn der EU-Medizinprodukte-Verordnung (Medical Device Regulation, MDR) im kommenden Mai bevor. Diese ersetzt die bisherigen Richtlinien und sieht vor allem erhöhte Anforderungen an das Inverkehrbringen und die Überwachung von Medizinprodukten in der EU vor. „Für die Medizinproduktehersteller im HanseBelt ist es problematisch, dass die Rezertifizierung von Bestandsprodukten nur schleppend vorankommt. Einer der Gründe ist, dass es bislang zu wenig ‚Benannte Stellen‘ nach neuem Recht gibt. Die zusätzlichen Anforderungen der MDR stellen damit nicht nur ein Hemmnis für die künftige Entwicklung der Medizintechnik-Branche dar, sondern können auch zu Engpässen in der Patientenversorgung führen“, warnte Präses Kühn.

Zudem erweise sich die MDR mehr und mehr als europäische Innovationsbremse. Künftig werden Hersteller innovative Medizinprodukte nicht mehr zuerst in Europa, sondern in anderen Ländern auf den Markt bringen. Ein Beispiel ist medizinische Software, die auf modernen Deep Learning Algorithmen basiert. Während in Europa die MDR fast alle medizinischen Softwareprodukte pauschal einer höheren Medizinprodukte-Klasse zuordnet, entwickelt zeitgleich die US Food and Drug Administration (FDA) einfachere Lösungen zur Zulassung entsprechender Produkte auf dem amerikanischen Markt. Die IHK zu Lübeck begleitet dieses Thema seit langem, informiert die betroffenen Mitgliedsunternehmen umfassend und bringt sich in Kooperation mit dem DIHK aktiv in die Interessenvertretung der Wirtschaft auf der deutschen und der europäischen Ebene ein. „Als Ergebnis arbeiten die europäischen Institutionen endlich ernsthaft an der Verlängerung der Übergangsfrist zur MDR zumindest für einige Medizinprodukte“, so Kühn.

Auch auf anderen Gebieten wird die IHK zu Lübeck ihren Beitrag leisten, die Region weiterzuentwickeln: „Im neuen Jahr werden wir Beratung und Service für unsere Unternehmen weiter ausbauen“, kündigte der Hauptgeschäftsführer an. Unter anderem wird die IHK gemeinsam mit ihren Mitgliedern die Ausstellung elektronischer Ursprungszeugnisse vorantreiben. „Unsere Aufgaben werden wir auch 2020 erfüllen und dabei unsere Mitglieder finanziell entlasten. Die IHK-Vollversammlung hat zum dritten Mal in Folge die Minderung der Beiträge für ein Jahr beschlossen“, sagte er. Weitere Schwerpunkte sind Innovation, Künstliche Intelligenz, Gründung, Nachfolge, Aus- und Weiterbildung sowie der Ausbau der Infrastruktur.

Zu den wichtigen Vorhaben gehören die Elektrifizierung der Bahnstrecke Lübeck–Bad Kleinen und der Ausbau der S-Bahnlinie S4 zwischen Hamburg und Bad Oldesloe, der Weiterbau der Autobahn A 20 einschließlich Elbquerung, der Ausbau der B 404 zur A 21, ebenfalls mit neuer Elbquerung (bei Geesthacht), und der Ausbau des Elbe-Lübeck-Kanals. Priorität habe weiterhin der Bau des Fehmarnbelt-Tunnels mit der Anbindung an das Straßen- und Schienennetz. Damit einhergehend wird die IHK sich weiterhin für das Zusammenwachsen der deutsch-dänischen Fehmarnbelt-Region engagieren. „Sie bietet große Chance für die Unternehmen und die Menschen, die hier leben. ‚Think big‘ ist die Losung, mit der auch andere Regionen erfolgreich sind. Daher werden wir schon jetzt Grenzen überwinden und den HanseBelt in die Zukunft führen“, so Schöning.

Diese Chancen stehen bei den Fehmarnbelt Days am 17. und 18. Mai 2020 im Ferien- und Freizeitzentrum Weißenhäuser Strand im Mittelpunkt. Schöning: „Erstmals gibt es zusätzlich zur Konferenz ein Festival für alle Bürger der Region. Unter dem Motto ‚Regions for Future‘ wird sich nach dem Vorbild des dänischen Folkemøde ein breites Spektrum politischer, öffentlicher und wirtschaftlicher Akteure der Öffentlichkeit präsentieren. Die Besucher haben die Möglichkeit, sich über die Herausforderungen für unsere Region zu informieren und gemeinsam Ideen und Projekte zu diskutieren. Gemeinsam mit der IHK zu Lübeck wird sich das FBBC intensiv in die Planungen der Fehmarnbelt Days 2020 einbringen.“

Um ihre Aufgaben effizient zu erfüllen, arbeitet die IHK in vielen Netzwerken eng mit Partnern zusammen. „Die Wirtschaft ist schon immer ein Vorreiter bei der Ländergrenzen-überschreitenden Zusammenarbeit gewesen. Verwaltungsgrenzen sind kein Hindernis für die Geschäfte, erschweren sie aber immer noch“, so Präses Kühn. Sie verwies auf das Regionalmanagement im HanseBelt, zu dessen Aufgaben Kooperationen zur zukunftsfähigen Positionierung und regionalökonomischen Entwicklung des HanseBelts gehören. Die gemeinsame Wasserstoffstrategie der norddeutschen Länder dagegen sei ein herausragendes Beispiel für funktionierende Kooperation, wenn alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel verfolgen. „Wir müssen noch viel mehr über die Grenzen hinausdenken und vor allem auch handeln. Dafür müssen wir Norddeutschland als einen großen Standort begreifen, in dessen Zentrum die Metropole Hamburg wichtige Impulse gibt“, sagte Kühn.

Wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, gelinge es immer wieder, neue Themen auf die Agenda zu setzen. So hat die IHK zu Lübeck im vergangenen Jahr bereits zum zweiten Mal federführend für die IHK Schleswig-Holstein den Kongress „Frauen in Führung im Norden“ ausgerichtet. Unter dem Motto „Meine Arbeitswelten“ informierten sich die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Themen wie „Führen in digitalen Zeiten“, „Diversität“ und „New Work“. Die Partnerschaft mit der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) hat sich ebenfalls bewährt. Erneut hat die IB.SH den Unternehmerinnenpreis am Abend des ersten Kongresstages in Lübeck verliehen.

„Wie wichtig Kongress und Preis sind, belegt eine aktuelle Statistik zum weiblichen Unternehmertum in Schleswig-Holstein. Die Auswertung der Daten von rund 180.000 Mitgliedsunternehmen der drei IHKs im Norden hat ergeben, dass die Anzahl von Frauen in Führung in der schleswig-holsteinischen Wirtschaft zwar steigt, die Unternehmen jedoch noch nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, die dieses Fachkräftepotenzial bietet“, betonte die Präses.

Kostenlose Nachrichten aus dem Herzogtum Lauenburg
Kostenlose Nachrichten Mobil

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.